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 Betreff des Beitrags: DAS MITTELMEER: Des Atlantiks spätes Kind
BeitragVerfasst: 10 Dez 2006 16:10 
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DAS MITTELMEER: Des Atlantiks spätes Kind

Von ALFRED GOLDSCHMID


Eingekeilt zwischen drei Kontinenten, Europa, Afrika und Asien, liegt das uns so wohlvertraute Mittelmeer. Die heutige liebliche, mediterrane Landschaft betrachtend, denkt man kaum an die dramatischen erdgeschichtlichen Ereignisse, die mit dem Werdegang dieses Meeres verknüpft sind: Es ist eine Geschichte vom Werden und Vergehen.

Bereits in der Frühzeit der Menschheit sind am Mittelmeer, an diesem Schnittpunkt von Kontinenten, Völkern und Ideen Hochkulturen entstanden, deren Leistungen in vielen Bereichen bis in unsere Zeit weiterwirken. Wann die Bewohner der Mittelmeerküsten begonnen haben, die Wogen dieses Meeres mit Schiffen zu befahren, ist nicht genau bekannt; der Zeitpunkt fällt aber jedenfalls mit der Entwicklung halbwegs seetüchtiger Boote zusammen. Zeugnisse der Seefahrt antiker Völker wie der Phönizier, der Griechen und Römer sind ohne Zahl und zeigen uns sehr deutlich, daß dieses Meer schon im Altertum eine wichtige Funktion hatte: Es verband Völker und Kulturen, anstatt sie zu trennen, anders wie die großen Ozeane, die lange Zeit von Europa aus nicht zu überwinden waren.

Ewige Ozeane?
Immer schon haben die Menschen beim Anblick der bis an den Horizont reichenden, grenzenlosen Weite des Meeres oder aber zitternd vor dem Toben und der Gewalt seiner Wellen dessen Ewigkeit empfunden, oft gemischt mit Angst vor dem Unfaßbaren, dem Unendlichen. Ganz ähnlich ergeht es uns doch auch beim Anblick der Bergriesen in der Einsamkeit unserer Alpen.
Aber weder die Ozeane noch die Gebirge bestehen ewig, höchstens ihr Werden und Vergehen ist ein sich ewig fortsetzender Prozeß. Die Kalkgesteine unserer Alpen und sogar jene des mächtigen Himalaya-Massivs stammen aus Meeresablagerungen, wenngleich sich dieses Meer ganz woanders erstreckte als die jetzigen Gebirge. Die moderne Naturwissenschaft kann heute mit hoher Wahrscheinlichkeit belegen, wann unsere Ozeane und deren Nebenmeere entstanden sind, wie sie sich verändert haben und was ihr künftiges Schicksal sein dürfte.
Bevor wir das Mittelmeer selbst betrachten, sollen kurz einige wichtige Erkenntnisse der letzten dreißig bis vierzig Jahre vorgestellt werden, die alle früheren Theorien zur Entstehung unserer heutigen Kontinente und Ozeane abgelöst haben.

Einst verlacht und vergessen -- heute bestätigt: die Theorie der Kontinentaldrift
Seit den sechziger Jahren haben unvorstellbare Mengen an Datenmaterial von seismischen Messungen, Schwerkraftbestimmungen, Bohrungen auf dem Festland und ganz besonders in den Ozeanen eine Theorie erhärtet, über die die Fachwelt noch vor siebzig Jahren gelacht und die sie als unwissenschaftlich abgetan hat. Ähnlich wie die Kunst ist auch die kreative Wissenschaft und Forschung mit Phantasie und Überzeugung eng verbunden; wer nicht den gängigen „Modevorstellungen“ entspricht, findet selten Anerkennung, und ein persönlicher Erfolg zu Lebzeiten bleibt aus.
So erging es Alfred WEGENER, einem aus Berlin stammenden Astronomen und Meteorologen, der ab 1924 an der Universität Graz als Professor für Meteorologie und Geophysik wirkte. Bereits 1912 trug er zum ersten Mal seine Vorstellungen über die Kontinentalverschiebung vor. Er nahm an, daß die Konturen der heutigen Kontinente, die wie ein Puzzle ineinanderpassen, den Bruchzonen eines ehemals einheitlichen Festlandblockes entsprechen und daß sich die Kontinente seit diesem Auseinanderbrechen voneinander entfernen. Wegener stützte sich auf ganz wenige Daten, vornehmlich aus der Geologie und Paläontologie. Mit verschiedenen Messungen versuchte er später seine allgemein abgelehnte und verlachte Hypothese zu stützen, unter anderem auf Grönland, wo er bei einer Expedition im Jahre 1930, erst im fünfzigsten Lebensjahr stehend, verstarb.
Das Denken der europäischen Fachwelt zur Entwicklung der Kontinente und Ozeane war beherrscht von der noch aus dem 19. Jahrhundert stammenden Abkühlungs- und Kontraktionshypothese. Diese Theorie besagt, daß die wesentlichen Bewegungen in der Erdkruste nur vertikal vor sich gehen können, wobei es in gewissen Erdzeiten auch zum Zerbrechen und Auffalten kommt. An der Wende zum 20. Jahrhundert formulierte der international viel beachtete österreichische Geologe Eduard SUEZ diese Anschauungen in dem Satz: „Der Zusammenbruch des Erdballes ist es, dem wir beiwohnen.“

Angst vor U-Boot-Krieg hilft der Wissenschaft
Daß sich die Erdkruste unter den Ozeanen und unter den Kontinenten in ihrer Dichte und Dicke unterscheidet, ist seit langem bekannt; hingegen war die Gestalt der großen Ozeanbecken in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen noch sehr lückenhaft erforscht. Man wußte gerade, daß etwa in der Mitte des Atlantiks ein in Nord-Süd-Richtung verlaufender untermeerischer Bergrücken lag. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Europa Existenzprobleme -- eine für aufwendige Forschungen stets ungünstige Situation --, und die vom Geräte- und Schiffseinsatz her immer teurer werdenden ozeanographischen Forschungen verlagerten sich fast ganz nach den Vereinigten Staaten.
1947 erteilte die National Geographic Society einen speziellen Forschungsauftrag zur Erkundung des Mittelatlantischen Rückens an Maurice EWING von der Columbia University. EWING hat mit großer finanzieller Unterstützung der amerikanischen Marine die Echolotung weiterentwickelt und sie auf den noch heute gültigen Stand gebracht. Das bedeutet: Genauigkeit mit einer Abweichung von nur zwei Metern und sicherer Einsatz bis 5000 Meter. Darüber hinaus wurde die Aufnahme von Flächenechogrammen entwickelt. Da man U-Booten in einem möglichen Krieg große Bedeutung beimaß, wurden beträchtliche Geldmittel zur kartographischen Erfassung und Darstellung des Meeresbodens aller Ozeane bereitgestellt.

Eine gigantische Gebirgskette am Grunde der Ozeane
Zu dieser Zeit glaubten die Geowissenschaftler in den Tiefseebecken Hinweise auf die erdgeschichtliche Entwicklung zu finden, und man nahm Sedimentdicken bis zu 20 Kilometer an, die voll mit Überresten ausgestorbener Lebewesen sein sollten. Die größten Sedimentdicken betrugen jedoch nur einen Kilometer, was einer Ablagerung über einen Zeitraum von 100 bis 200 Millionen Jahren entspricht. Am eigentlichen Mittelatlantischen Rücken konnte EWING selbst mit dem Kolbenlot keine Sedimentkerne an Deck holen; mit einem schweren Tiefseeschleppnetz kamen jedoch Kugeln von Kissenlava und anderen Bildungen nach oben, wie sie beim Erguß von flüssigem Erdmantelmaterial, dem Magma, und dessen Erstarren unter Wasser entstehen. Das war revolutionierend und schien unfaßbar.
Rasch aufeinanderfolgende Forschungsfahrten in den Atlantik und deren Ergebnisse führten zur Gründung des Lamont Geological Observatory, einem Institut der Columbia University, das sich ausschließlich mit der Erforschung der Meeresböden beschäftigt. Maurice EWING holte Bruce HEEZEN in sein Team, und 1959 wurde erstmals eine Beschreibung des Meeresbodens im Nordatlantik veröffentlicht. Der Arbeit war eine Panoramakarte beigelegt, in der allerdings aus Sicherheitsgründen -- die Marine hatte Einspruch erhoben -- keine Tiefenangaben eingetragen waren.
Die weite Ebene des Atlantikbodens ist von einem gigantischen Gebirgszug geteilt. Besonders rätselhaft schien zunächst ein tiefer, bis zu zwanzig Kilometer breiter Graben genau im Zentrum, begleitet von den höchsten Erhebungen östlich und westlich davon. Heute wissen wir, daß diese Rücken mitten im Boden der Ozeane nicht nur im Atlantik, sondern weltweit eine gigantische zusammenhängende Gebirgskette von 65.000 Kilometer Länge bilden. 1977 hat HEEZEN eine von Marie THARP gezeichnete Panoramaweltkarte veröffentlicht, die heute nahezu in jedem Atlas und Geographiebuch zu finden ist.

Driftende Kontinente -- wachsende Ozeane
Fast zwei Jahrzehnte erforschte der Geologe Harry H. HESS von der Princeton University den Boden des Pazifischen Ozeans. Er entdeckte dabei kegelstumpfartige untermeerische Berge, die er nach einem amerikanischen Geologen des 19. Jahrhunderts als „Gyots“ beschrieb. 1962 veröffentlichte er seine Ergebnisse unter dem Titel „History of Ocean Basins“ (Geschichte der Ozeanbecken). Ähnlich einem Wettläufer, der nach langer Führung im Endspurt übersprintet wird, muß es HESS empfunden haben, als bereits 1961 Robert S. DIETZ in der renommierten Zeitschrift „Nature“ auf wenigen Seiten sein Grundkonzept vorwegnahm und den Begriff „Sea-floor spreading“ (Verbreiterung des Meeresbodens) einführte, der heute allgemein im Gebrauch ist.
Seit den siebziger Jahren sind die Vorstellungen der Plattentektonik, des Sea-floor spreading und der damit verbundenen Kontinentaldrift allgemein anerkannt. Dank dieser wissenschaftlichen Erkenntnis konnten viele bis dahin offene Fragen der Erdgeschichte, aber auch der Verbreitung der Tier- und Pflanzenwelt beantwortet werden. Stark verkürzt wird heute folgendes vertreten:
Die feste Erdkruste besteht aus sieben großen und etwa 18 kleinen und kleinsten Platten, die auf der flüssigen Oberfläche des Erdmantels wie Eisschollen dahindriften. Wesentlicher Motor dabei sind die mittelozeanischen Rücken. In ihrem Zentralgraben steigt ständig flüssiges Magma nach oben, erstarrt und schiebt dabei die aufgebrochene ozeanische Platte auseinander. Daß der Erdball dadurch nicht größer wird, verdanken wir den Vorgängen an den Rändern der großen Kontinentalschollen: Dort verschwindet Plattenmaterial in die Tiefe und wird wieder eingeschmolzen. Über diesen Subduktionszonen, den Bereichen des Untertauchens, liegen in der Regel die größten Meerestiefen in langgezogenen Tiefseegräben.
Dank satellitengesteuerter Lasermeßtechnik wissen wir heute sogar über die Geschwindigkeit dieser Prozesse genau Bescheid. Das System der ständigen Verbreiterung wurde sehr treffend mit einer „niemals heilenden Wunde“ verglichen. Während die ozeanische Kruste am Mittelatlantischen Rücken mit etwa drei Zentimeter pro Jahr nur langsam wächst, geschieht dies an der Ostpazifischen Schwelle mit fast zwölf Zentimeter pro Jahr -- das ist etwa doppelt so schnell wie das Wachstum unserer Fingernägel.
Ist nun die Geschwindigkeit des Auseinanderdriftens der Kontinente bekannt, kann man unter der Annahme, daß diese gleich bleibt, aufgrund der Ausdehnung der heutigen Ozeane eine erste Schätzung ihres Alters versuchen. Gestützt durch verschiedene physikalisch-chemische Altersbestimmungen der Gesteine, werden solche Angaben immer präziser. Die moderne Meeresgeologie hat somit Alfred WEGENERS Theorie der Kontinentaldrift voll bestätigt, obwohl dieser über die tatsächlichen Vorgänge nur wenig wußte und einige seiner Hypothesen sicher falsch waren.

Die kommenden 250 Millionen Jahre
Auf unserem Planeten bestand lange Zeit ein großer, zusammenhängender Superkontinent, die „Pangäa“ (= Gesamterde). Dieser Urkontinent zerbrach, und in der Folge entstanden aufgrund der eben geschilderten Phänomene die heutigen Ozeane und Kontinente. Die Dynamik hält nach wie vor an, und falls die Geologen recht behalten, wird nach der „Vernichtung“ des Atlantischen und des Indischen Ozeans unter fortschreitender Ausdehnung des heutigen Pazifiks wieder ein Gesamtkontinent entstehen. Bis dahin sollen aber noch gut 250 Millionen Jahre vergehen. Ein frühes Opfer dieser Entwicklung dürfte unser Mittelmeer werden, das wahrscheinlich bereits in 100 Millionen Jahren, nach dem endgültigen Verschmelzen von Afrika mit Europa, verschwunden sein wird.
Woher aber kommt das europäische Mittelmeer, wie alt ist es, und wie hängt seine Entstehung mit dem bisher Gesagten zusammen?

Der Atlantik wird geboren -- Afrika beginnt zu wandern
Entscheidend war die Bildung des Atlantiks und die Verlagerung der afrikanischen Platte nach Norden und Osten. Vor etwa 200 Millionen Jahren zerbrach der Superkontinent Pangäa, und die Vorläufer des Atlantischen und des Indischen Ozeans begannen sich auszubreiten. Mit der Bildung des Südatlantiks unter Abtrennung Südamerikas von Afrika setzte vor 125 Millionen Jahren eine Verlagerung der afrikanischen Platte zur eurasischen ein. Ein über 1000 Kilometer breites Urmeer, die Tethys, mit einer echten Tiefsee verband den Atlantik mit dem Pazifik im Osten. Mächtige marine Ablagerungen entstanden, vorwiegend Kalke, aus denen später, auf 100 bis 150 Kilometer zusammengeschoben, die Alpen entstehen sollten.
Als sich vor etwa 20 Millionen Jahren Afrika mit der heutigen Arabischen Halbinsel an Asien anschloß, wurde diese Meeresverbindung, die inzwischen immer schmaler geworden war, unterbrochen. Ein Teil der Tethys blieb erhalten und bildete ein vom heutigen Ostösterreich bis zum Ural reichendes Binnenmeer. Als Reste davon werden das Schwarze Meer, das Kaspische Meer und der Aralsee angesehen. Durch das Aneinanderprallen der afrikanischen und der eurasischen Platte falteten sich die Alpen ebenso auf wie der Himalaya. Dabei wurde die Bewegung am „Dach der Welt“ noch verstärkt durch das „Andocken“ von Vorderindien, das als isolierte Insel von der Südhalbkugel her rasch nach Norden gedriftet war. Dieser Prozeß dauert bis heute an, was bedeutet, daß die großen Gebirgsmassive noch immer gehoben werden.
Der Mittelmeerraum ist durch häufige Erdbeben und tätigen Vulkanismus gekennzeichnet, und das Meer selbst wird ständig weiter eingeengt. Krustenmaterial vorwiegend der afrikanischen Platte verschwindet an den tiefsten Stellen unter dem Hellenengraben vor dem Peloponnes und Kreta.

Das erste Mittelmeer trocknete aus!
Vor etwa zwölf Millionen Jahren dürfte sich die bis dahin weite Verbindung des Mittelmeers mit dem Atlantik unter gleichzeitiger Hebung einer Schwelle stark verengt haben. Zum Atlantik bestanden noch zwei tiefe Wasserstraßen: die nördliche Betic-Straße über dem heutigen Südspanien und die südliche Rif-Straße über dem heutigen Nordafrika. Vor etwa sieben Millionen Jahren wurden beide unterbrochen, und zwar teils durch Hebung des Bodens, teils durch eine allgemeine Senkung des Meeresspiegels um etwa 100 Meter. Zur gleichen Zeit bildeten sich in der Antarktis mächtige Eiskappen. Die Konsequenz war eine fortschreitende Austrocknung bis zur Wüstenbildung.
Erkannt wurde dies erst vor knapp 20 Jahren, als im Rahmen eines weltweiten Tiefsee-Bohrprogramms ein speziell dafür ausgerüstetes Schiff, die „Glomar Challenger“, 1970 im westlichen und 1975 im östlichen Mittelmeer zum Einsatz kam. Kenneth J. HSÜ und William RYAN leiteten das Team der Wissenschaftler.
Zur Absicherung der neuen Vorstellungen über Sea-floor spreading und Kontinentaldrift wurde 1968 ein gewaltiges Tiefsee-Bohrprogramm gestartet, das zunächst einigen wenigen großen meeresgeologischen und ozeanographischen Instituten in Amerika überlassen blieb. Bis 1983 stand die „Glomar Challenger“ im Dienst, dann wurde ein noch größeres und leistungsfähigeres Bohrschiff bereitgestellt, die „JOIDES Resolution“. Unter internationaler Beteiligung läuft das Programm seit Januar 1985 bis heute. Von der „Glomar Challenger“ wurden dabei bis 1983 Bohrkerne in einer Länge von 97 Kilometer gewonnen, von der „JOIDES Resolution“ bis einschließlich 1993 allein 87,5 Kilometer. Alle Bohrkerne werden der Länge nach halbiert und eine Hälfte in tiefgefrorenem Zustand archiviert. Schon diese kurzen Hinweise zeigen, welch personeller, räumlicher und finanzieller Aufwand für solche Unternehmungen erforderlich ist.
Aus früheren seismologischen Untersuchungen im Mittelmeer kannte man harte reflektierende Schichten unter dem rezenten Sediment, die niemand so richtig zu deuten wußte. Zwar erinnerten ihre Seismogramme merkwürdig an die von Salzlagerstätten, wie sie aus dem Golf von Mexiko bekannt waren; doch niemand dachte damals an ausgedehnte Salzvorkommen unter dem Boden des Mittelmeers. Die Bohrkerne aber brachten den Beweis: Unter den weiten, fast 3000 Meter tiefen Ebenen des Balearenbeckens liegt Steinsalz mit einer Mächtigkeit bis zu 1000 Meter! Die Umrahmung wird von Anhydrit gebildet, einer Form von Gips. Solche Salze bilden sich in einem sehr warmen Klima in seichten Lagunen durch Verdunstung; sie werden Evaporite genannt. Die Abfolge der Ausfällungen aus den hochkonzentrierten Lösungen kennt man aus den Sabhka des Persischen Golfs, Lagunen mit starken Salzausfällungen.
Offenbar war das Mittelmeerbecken vor langer Zeit über weite Strecken eine Wüste mit einigen wenigen hochkonzentrierten, seichten Salzseen. Diese Extremsituation für Organismen haben Paläontologen aufgrund von fossilführenden Ablagerungen nahe der sizilianischen Stadt Messina schon vor längerer Zeit als „messinische Salinitätskrise“ beschrieben.
Die Flußtäler der Ur-Rhone und des Ur-Nil lassen sich bis über 1000 Meter Tiefe verfolgen; sie reichten fast bis ins Zentrum der verbliebenen Meeresbecken. Das östliche Becken war sehr wahrscheinlich durch die Malta-Sizilien-Schwelle vollkommen vom westlichen getrennt. Es wurde von Wässern der Paratethys gespeist, die durch Bildung der Alpen des Balkans schon länger von diesem frühen Mittelmeer getrennt war. Diese spektakuläre Hypothese, formuliert von Kenneth J. HSÜ Ende der siebziger Jahre, wurde sogleich von den Medien aufgegriffen und führte zu vielen bis heute andauernden Kontroversen. Während man zunächst noch an eine riesige wüstenhafte Depression dachte, mit den gleichen Tiefen wie heute, also gut 3000 Meter und mehr, neigt man inzwischen zu der Ansicht, daß wegen des fehlenden Wasserdrucks die Depression zum Atlantikspiegel „nur“ etwa 200 bis 1500 Meter betragen habe.
Die Isolierung des Mittelmeers vom Atlantik dürfte gut eineinhalb Millionen Jahre gedauert haben. In dieser Zeit haben wahrscheinlich mehrere Meereseinbrüche stattgefunden, die aber nie zur Auffüllung ausreichten; hingegen haben sie die Restbecken im westlichen Mittelmeer ergänzt und dort zu den riesigen Evaporit-Ablagerungen beigetragen. Als Folge davon sind echte Meeresorganismen fast vollständig verschwunden.

Die Straße von Gibraltar öffnet sich
Als sich vor rund fünf Millionen Jahren die heutige Straße von Gibraltar öffnete, ergossen sich gewaltige Wassermassen in die Depressionsbecken und begannen sie wieder zu füllen. Die heutigen Meeresorganismen des Mittelmeers dürften daher -- mit Ausnahme der durch den Suez-Kanal aus dem Roten Meer eingewanderten Arten -- alle aus dem Atlantik stammen. Sicher sind aus diesen auch endemische, rein mediterrane Arten entstanden, die nur hier vorkommen. Der Endemismus im Mittelmeer zeigt sich nahezu ausschließlich auf dem Niveau von Arten und nicht in höheren systematischen Einheiten, wie Gattungen oder sogar Familien -- ein deutlicher Hinweis, daß es sich hier um neuere Entwicklungen handelt.
Noch bis in die siebziger Jahre wurde in der Fachliteratur vielfach die Ansicht vertreten, im östlichen Mittelmeer hätten Organismen des Urmeers Tethys überlebt. Nach allem, was wir heute wissen, muß diese Meinung als widerlegt gelten.
Nach neueren Messungen wird die nur 320 Meter tiefe Gibraltarschwelle langsam gehoben. Sollte der Vorgang andauern, wird sich in drei Millionen Jahren die nur 14 Kilometer breite Verbindung zum Atlantik erneut schließen.

Die Gegenwart
Heute hat das Mittelmeer eine Fläche von ca. 2,5 Millionen Quadratkilometer und ein Volumen von rund 3,7 Millionen Kubikkilometer. Bei einer West-Ost-Erstreckung von etwa 4000 Kilometer ist man an keinem Punkt des Meeres weiter als 370 Kilometer vom Festland entfernt. Die Küstenlinie ist mit 22.500 Kilometer sehr lang. Davon entfallen allein auf die reichgegliederte europäische Küste 13.000 Kilometer; nur 5000 Kilometer mißt die sehr einheitliche afrikanische und 4500 Kilometer die levantinische Küste.
Die seichte Sizilienschwelle -- sie ist weniger als 400 Meter tief -- trennt das westliche Beckensystem von einem östlichen. Nach den umrahmenden Küsten unterscheidet man im Westmediterran das kleine, nur etwas mehr als 1000 Meter tiefe Alboranbecken im Anschluß an die Straße von Gibraltar, weiters das algero-provencalische oder Balearenbecken mit etwas weniger als 3000 Meter Tiefe und weiten Tiefsee-Ebenen. Mit fast 4000 Meter Tiefe, die außerdem ständig wächst, ist das tyrrhenische Teilbecken das tiefste des Westmediterrans. Sein Boden ist reich strukturiert und in ständiger Bewegung. Die westliche Begrenzung des Westmediterrans bilden die Inseln Korsika und Sardinien. Sie haben sich vor 25 bis 30 Millionen Jahren vom spanischen und südfranzösischen Festland gelöst und sind gegen den Uhrzeigersinn nach Osten abgedriftet. Gleichzeitig damit entstand das algerisch-provencalische Becken. Eine gewisse Sonderstellung hat die Adria, deren über 1200 Meter tiefes südliches Becken durch die nur 800 Meter tiefe Schwelle in der Straße von Otranto mit dem Ionischen Meer kommuniziert.
In den Eiszeiten, zuletzt also vor etwa 18.000 Jahren, lag der Meeresspiegel weltweit um gut 120 Meter tiefer, weil rund 70 Millionen Kubikkilometer Wasser in Eis gebunden waren. Elba und Sizilien waren dadurch mit dem Festland verbunden, ebenso Sardinien mit Korsika. Das heutige südadriatische Tiefenbecken war ein Binnensee, die mittlere und nördliche Adria trockenes Land. Die Verbindung zwischen West- und Ostmediterran war so knapp, daß durch den reduzierten Wasseraustausch im östlichen Becken keine Tiefenzirkulation möglich war. Vermutlich bildeten sich in der Tiefe sauerstoffreie, mit Schwefelwasserstoff angereicherte Zonen, wie sie heute im Schwarzen Meer bestehen.
Das Ionische Meer am Eingang zum östlichen Beckensystem erreicht an einigen Stellen fast 5000 Meter Tiefe. Am Beginn des Hellenengrabens, knapp 100 Kilometer vor dem westlichen Finger der Peloponnes-Halbinsel, liegt der tiefste Punkt des Mittelmeers -- nach älteren Angaben 5121 Meter, nach ganz neuen nur 4982 Meter. Das levantinische Becken ist geprägt durch den mittelmeerischen Rücken, der zwischen Kreta und der libyschen Küste auf fast 1000 Meter ansteigt, aber nördlich und südlich von Tiefseegräben und Resten von Tiefsee-Ebenen begleitet wird. Die Ägäis ist ein junges, seichtes Schelfmeer, das durch Vulkanismus und Tektonik nur an wenigen Stellen tiefer ist als 500 Meter. Zuletzt sei der Bosporus genannt, der mit nicht mehr als 40 Meter Tiefe wie ein breiterer Fluß die junge Verbindung zum Schwarzen Meer herstellt.


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