




Kaum zurück und schon wieder in Gefahr: Pro Natura kämpft
für den Wolf. Helft dabei!
In Österreich ist der Wolf längst ausgerottet worden und nur ein
äußerst seltener Gast, doch in der Schweiz tritt er aus Südwesten
kommend immer häufiger auf. Keine andere rückkehrende Wildtierart,
auch nicht der Bär, hat es so schwer wie der Wolf: Er zieht seit Jahrtausenden
den Hass der Menschen auf sich. Die allermeisten Vorbehalte gegen den Wolf
basieren jedoch auf Unkenntnis und auf Vorurteilen. Das neue Buch “Rückkehr
der Wildtiere” link, das demnächst bei Leopold Stocker erscheinen
wird, widmet dem Wolf daher viel Aufmerksamkeit.
Die Artenschützer in der Schweiz schlagen nun Alarm. Der Bundesrat will
den Schutz des Wolfs in ganz Europa schwächen. Geht es nach dem Willen
der offiziellen Schweiz, soll der Wolf in der Berner Konvention zukünftig
in einer tieferen Schutzkategorie geführt werden. Das ist gefährlich.
Isegrim droht eine neue Ausrottungswelle. Die Verhandlung des ständigen
Ausschusses der Berner Konvention findet Anfang Dezember in Strassburg statt.
Pro Natura hat genug vom laschen Wolfsschutz, den die Schweiz vertritt. Pro
Natura protestiert deshalb mit einer E-Mail-Aktion gegen das Vorgehen des
Bundes. Bitte besuchen Sie die Website www.pronatura.ch
und schicken Sie noch heute eine Protest-Mail an Bundesrat Moritz Leuenberger.
Leiten Sie bitte diese Mail an Ihre Bekannten und Freunde weiter, damit der
Protest möglichst breit abgestützt ist. Pro Natura dankt Ihnen schon
jetzt für Ihre Unterstützung.
Die Hälfte des Werwolfs ist immerhin ein Mensch: Sind wir uns vielleicht
ähnlich?
Der
mythologische Gegenangriff: Der Wolf ist nicht nur böse …
Eine Wolfsgeschichte von Werner Freund:
Wie sind Wölfe wirklich?
Die
Hälfte des Werwolfs ist immerhin ein Mensch: Sind wir uns vielleicht
ähnlich?
Man sagt, dass sich Gegensätze anziehen. Und wenn sich zwei Menschen
zu sehr gleichen, dann glaubt man, dass Spannungen vorprogrammiert sind. Ist
eine solche Ähnlichkeit vielleicht auch einer der Gründe für
die besondere, jedoch durch den Hund höchst widersprüchliche Feindschaft
der Menschen zum Wolf?
Tatsächlich sehen manche darin einen der Gründe für die Dämonisierung
des Wolfs. Seine Verhaltensweisen erscheinen “wie ein Spiegelbild der
primitiven Seite des Menschen“, meinte der Autor Daniel Wood. Die vielen
teuflischen Eigenschaften, die man dem Wolf zuschrieb, waren wohl der Versuch
einer seelisch-moralischen Selbstreinigung. Sie spiegelten das menschliche
Verhalten und sein eigenes Wesen wider. Denn jedes der bestialischen Dinge,
die man dem Wolf vorgeworfen hat, ist auch beim Menschen zu finden. So empfinden
viele die Hetzjagd der Wölfe als grausam und unbarmherzig, doch dieselbe
Jagdmethode wurde und wird bei Treibjagden in Großbritannien nach wie
vor von Menschen ausgeübt, wenn auch das britische Unterhaus im September
2004 ein Verbot dieses “Sports“ beschlossen hat.
Die Ähnlichkeiten zwischen Wolf und Mensch sind zum Teil verblüffend,
wie Desmond Morris in seinem Buch “Der nackte Affe“ darstellt.
Wahrscheinlich sind es diese großen Übereinstimmungen der Lebensweisen,
die es erst möglich gemacht haben, dass sich Wolf und Mensch irgendwann
zusammengeschlossen haben: Wolf und Mensch waren beide Rudeljäger auf
Großwild, beide jagten planvoll und gut organisiert, beide erlegten
in Teamarbeit Beute, die wesentlich größer war als sie selbst,
beide leben in einem festen Familienverband, beide haben eine soziale Rangfolge
(Wodurch unterscheidet sich die stolz hochgetragene Rute eines Alphawolfs
von den stolz zur Schau gestellten Schulterstücken und Goldlitzen eines
Generals?). Warum gibt es in unseren Firmen Bosse (Alpha-), Abteilungsleiter
(Beta-) und Omegawölfe (gemobbte Firmenuntertanen, unterwürfige
Sachbearbeiter)?
Bei Wolf und Mensch gibt es eine große Anzahl von Aggressions- und Unterwürfigkeitsgesten
(Warum machen wir uns klein, “ziehen den Schwanz ein“, senken
den Kopf und nehmen allgemein eine unterwürfige Haltung ein, wenn uns
der Chef anschreit? Warum wirkt die unterwürfige Haltung eines anderen
in der Regel aggressionshemmend?), bei beiden kann es zu Rangstreitigkeiten
kommen, bei beiden kümmern sich alle Rudelmitglieder um die Aufzucht
der Jungen (Warum sind Onkel, Tanten, Verwandte, Opas und Omas vom Nachwuchs
in der Familie immer so begeistert, geben tausend gute Ratschläge zur
Aufzucht und wollen am liebsten selbst mithelfen?), beide haben eine komplexe
Laut- und Körpersprache, beide markieren mit Gerüchen oder optisch
ihre Reviere (Vom Kothaufen zum Elektrozaun: Ein Betonpfahl mit Staatswappen
an einer Landesgrenze ist nichts anderes als der Hinweis “Halt! Reviergrenze!“
Warum werden wir wütend und aggressiv, wenn ungebetene Gäste unser
Grundstück betreten?), beide verteidigen ihre Reviere gegen Eindringlinge
(Kuriosum der Geschichte: Der Mensch schützt mit einem Nachfahren des
Wolfs seine Herden gegen Wölfe) und beide haben einen natürlichen
Jagdtrieb – besonders ausgeprägt bei Jungtier und Jungmensch (bei
uns zeigt sich das in Sport und Spiel; viele Spiele drehen sich um das Jagen,
um Gefahren, um Geschick, um das Lösen von Aufgaben und ähnliche
Fertigkeiten).
Der
mythologische Gegenangriff: Der Wolf ist nicht nur böse …
Die negative Rolle des Wolfes in der Mythologie könnte einer der Gründe
für seine mangelnde Akzeptanz sein. Artenschützer gehen daher in
den letzten Jahren in die “mythologische Gegenoffensive“. Sie
versuchen mit derselben Waffe, mit der man die Tiere bekämpft hat, dem
bösen Mythos entgegenzutreten. Freilich, es ist keine leichte Aufgabe,
denn positive Reflexionen im kulturgeschichtlichen Zeugnis über den Wolf
sind wesentlich schwerer zu finden als negative. Doch genaue Literaturrecherchen
bringen einen erstaunlichen Facettenreichtum in der mythologischen Bedeutung
des Wolfs zu Tage. Neben all den negativen werden ihm durchaus auch positive
Eigenschaften zugeschrieben. Artenschützer hoffen, dass das Bewusstmachen
solch positiver Mythen in der Öffentlichkeitsarbeit die Akzeptanz von
Großraubtieren steigern könnte. Und sie haben Recht. Jeder, der
sich in ein so wunderbares Buch wie “Faszination Wolf“ von Dagmar
Langwald vertieft, wird nicht ohne emotionale Spätfolgen davonkommen.
Die Geschichten und Sagen aus aller Welt über den Wolf zeigen ein Wesen,
das den meisten Menschen völlig unbekannt ist.
Sie zeigen ein Tier, das Wochen, Monate oder sogar ein Jahr verstorbenen Rudelmitgliedern
nachtrauert; sie zeigen Alphatiere, die trotzt strengster hierarchischer Struktur
im Rudel bei Jungwölfen “mal ein Auge zudrücken“ und
ein Vergehen durchgehen lassen; sie zeigen geradezu “liebevolle“
Rüden, wie sie bei Aufzucht, Transportieren, Körperpflege und Ernährung
der Welpen helfen (früher hat man in Wildparks die Rüden von den
Wölfinnen und Welpen weggesperrt, in der Meinung, sie könnten ihnen
Böses antun); sie zeigen ein Wolfspaar, das koordiniert zusammenarbeitend
ins Wasser gefallene Welpen rettet; sie zeigen andere Rudelmitglieder, die
durch ausgewürgtes Futter fremde Welpen mitfüttern, ebenso wie ältere,
“besorgte“ Geschwister, die sich in ernsthafte Auseinandersetzungen
zwischen den Jüngeren einmischen (das tun die Eltern nicht), und unzählige
weitere faszinierende Verhaltensweisen.
Eine
Wolfsgeschichte von Werner Freund: Wie sind Wölfe wirklich?
Es gibt nur wenige Menschen auf der Welt, die über Wölfe so kompetent
Auskunft geben können wie Werner Freund. Er, der seit mehr als zwanzig
Jahren als Rudelmitglied und “Wolf unter Wölfen“ (Titel seines
sehr empfehlenswerten Buches) lebt, bietet uns einige authentische Einblicke
ins Wolfsleben.
Die soziale Führung des Rudels obliegt dem Alphawolf. “Kommt es
doch einmal zu einem Angriff des Alphawolfs auf mich und ich blocke nicht
sofort mit Entschiedenheit ab, zum Beispiel durch einen Kinnhaken, Biss in
den Fang oder einen Tritt mit dem Stiefel unters Kinn, habe ich meine Position
für immer verspielt und werde aus dem Rudel ausgeschlossen. Blocke ich
aber ab, ist der Alphawolf überrascht, seine Angriffshaltung verwandelt
sich schlagartig in Demut und das Rudel akzeptiert mich weiterhin als seinen
zweibeinigen Ehrenoberwolf.“
In die unangenehme Lage eines Angriffs durch den Alphawolf kam Werner Freund
während seines Zusammenlebens mit Wölfen dreimal. Er kommt zu dem
Schluss, dass immer ein Fehlverhalten seinerseits der Auslöser der Aggression
und des Angriffsverhaltens ihm gegenüber war: “Ein Entschuldigen
gibt es im Wolfsleben nicht. Die Welt der Wölfe ist eine hierarchische,
disziplinierte und gefühlsbestimmte Welt, in der Welpen und Jungwölfe
umsorgt aufwachsen, aber dennoch durch unnachgiebiges Training auf ihr späteres
Leben im Rudel vorbereitet werden … Das Leben eines Wolfsrudels funktioniert
durch eine instinktgesteuerte Disziplin. Nur die Wesensstärksten, das
heißt die Wölfe, die sich den anderen gegenüber durchsetzen,
leben mehrere Jahre in dieser sozialen Jagd- und Kampfgruppe. Die Alphawölfin
ist dem Alphawolf nachgeordnet oder besser gesagt, sie führt gemeinsam
mit ihm das Rudel. Dieser Wölfin obliegt nicht nur das Austragen und
Gebären, von ihr hängt nicht nur die Fortexistenz des Rudels ab,
sondern sie ist die bestimmende Seele der Gruppe.“ In den meisten Fällen
wird ein Wolf ohne ihre Zuneigung nicht zum Alphawolf, selten kann sich ein
Wolf allein aufgrund seiner Wesensstärke durchsetzen.
“Die Ausbildung der Jagdtaktik beginnt bei Europäischen Wölfen
bereits im Alter von zehn bis zwölf Wochen. Obwohl in diesem Alter Wölfe
noch sehr verspielt sind, beobachteten alle sehr genau, wenn einer von ihnen
mit den Pfoten ein Mausloch aufgrub. Wurden die Bewegungen hastiger, was ein
Zeichen der Annäherung an die Beute ist, reagierten die anderen sofort.
Vom Spiel wurde auf Beutetrieb umgestellt. In einem der Jahre gab es viele
Mäuse, und so wurden die Wölfe mit zunehmendem Alter regelrechte
Mäusejäger. Die einen gruben Mäuselöcher auf, die anderen
beobachteten die weiteren umliegenden Aus- und Eingänge. Es entwickelte
sich eine Teamarbeit. War einer ermüdet, grub der andere weiter und der
Abgelöste beobachtete oder schnaufte in die direkt am Bau liegenden Mäuselöcher
hinein, um die Mäuse zu beunruhigen. Ein regelrechtes Jagdfieber brach
aus, wenn die Wölfe beim Graben kurz vor der Beute waren oder die Mäuse
versuchten, den Bau zu verlassen. Ein Spiel mit gefangenen Mäusen, wie
es bei Katzen üblich ist, gab es nicht. Jeder, der eine Maus im Fang
hatte, fraß sie sofort auf, schon deshalb, weil andere versuchten, ihm
die Maus zu entreißen.“