






Pinselohr-Killer in der Schweiz verurteilt
Wie Pro Natura (Schweiz) berichtet …
Luchse waren fast überall in Mitteleuropa ausgerottet. Doch dank
aufwändigen Wiederansiedlungsprojekten kommt der Luchs in den letzten
Jahren und Jahrzehnten wieder zurück (Details siehe: Der
Luchs – Rückkehr auf leisen Pfoten). Leider gibt es
in der Jägerschaft immer noch schwarze Schafe, die diese streng geschützte
Tierart illegal abschießen. Wie Pro Natura berichtet, wurde am 30. Januar
2004 zum ersten Mal ein Täter verurteilt, der vorsätzlich einen
Luchs abgeschossen hatte. Ein Jäger und pensionierter Förster aus
Plasselb (FR) war im Herbst 2003 auf frischer Tat ertappt worden und gab später
noch weitere Luchstötungen zu. Nachdem im Berner Oberland und in den
Waadtländer Alpen Ende der 90er Jahre gleich reihenweise Luchse umgebracht
wurden, setzte Pro Natura im Sommer 2000 eine Belohnung von 7000 Franken für
Hinweise aus, die zur Aufklärung einer Luchstötung führen.
Pro Natura kann diese Belohnung nun ausbezahlen. Das Geld geht allerdings
nicht an die mutigen Helfer der Justiz. Diese verzichten auf die Belohnung
und stellen sie als Spende für ein Luchsprojekt der Stiftung Euronatur
im Balkan zur Verfügung.
Die erste Verurteilung eines Luchs-Killers zeigte bisher keine abschreckende
Wirkung. Die Luchswilderei geht weiter. Im Frühling wurde ein Luchs im
Kanton Freiburg vergiftet und in den Waadtländer Alpen starb ein Adler,
der wohl von einem für den Luchs ausgelegten Giftköder gefressen
hatte. Eine Schrotkugel entdeckten die Berner Veterinäre im Jungluchs,
der am vergangenen Wochenende im Baselbiet überfahren wurde. Auch diesem
Tier wollten Wilderer also an den Kragen. Wenn den Killern nicht endlich das
Handwerk gelegt wird, könnte der Luchs ein zweites Mal aussterben.
Details
All die Mühe und Anstrengung vieler Jahre, die Arbeit unzähliger
Menschen, all das investierte Geld kann mit einem einzigen Schuß eines
verantwortungslosen “Naturhegers“, der ein falsches Verständnis
von seiner Aufgabe hat, zunichte gemacht werden. Daß ein solcher “Naturheger“
auch die Jägerschaft insgesamt diskreditiert, liegt auf der Hand. Aufklärung
und die (hoffentlich) auf sie folgende Akzeptanz breiter Bevölkerungsschichten
sind daher zwei Stichwörter, ohne die das “Projekt Luchs“
nicht funktionieren kann.
Die Schweiz bietet für die Notwendigkeit begleitender Aufklärungsarbeit
ein gutes Beispiel. Die Raubkatze wurde bei den Eidgenossen in den siebziger
Jahren ohne ausreichende Öffentlichkeitsarbeit wiederangesiedelt. Trotz
großer Rehpopulationen und Entschädigungszahlungen beim Verlust
von Nutztieren formierte sich im Nachbarland eine kleine, dafür aber
recht aggressive Anti-Luchs-Front, die seither mit illegalen Tötungen
von Luchsen den Fortbestand der Art gefährdet. In der Schweiz wurden
von 1971 bis 1993 nachweislich 25 der bundesrechtlich geschützten Luchse
illegal geschossen, neun Tiere wurden erschlagen. Das gleiche Problem gibt
es in Österreich, im Pfälzer Wald, in den Vogesen und eigentlich
überall in West- und Mitteleuropa, wohin der Luchs zaghafte Rückkehrversuche
unternommen hat.
Als Folge davon gründeten Luchsbefürworter in zahlreichen Ländern
Initiativen und Interessengemeinschaften, um die Öffentlichkeit für
den Schutz des Luchses zu gewinnen. Wichtige Zielgruppen für die Aufklärungsarbeit
waren und sind vor allem Jäger, Förster, Bauern und Kleinviehzüchter,
Waldbesucher, Wanderer bzw. allgemein Touristen und Schüler.
Wie komplex diese Aufgabe ist und welche Schritte bei einem solchen Projekt
gesetzt werden müssen, zeigt das Beispiel von SCALP. Abkürzungen
wie diese begleiten übrigens jeden, der sich mit dem Luchs oder einem
anderen Thema des Arten- und Naturschutzes befaßt. Es ist keine Bildungslücke,
wenn man mit BUWAL, KORA, LUNO, SCALP, LCIE, PACS und etlichen weiteren Kürzeln
vorerst nichts anfangen kann. Befaßt man sich allerdings mit den großen
Raubtieren Europas, kommt man an diesen Namen nicht mehr vorbei. Statt daß
man Pan-Alpine Conservation Strategy for the Lynx ausspricht, sagt man eben
lieber PACS. DCPO steht für Danube-Carpathian Programme, ERBC für
Ecoregion-Based Conservation Approach – und so könnten wir lange
fortsetzen.
Initiative
SCALP (Status and Conservation of the Alpine Lynx Population)
Um den Konflikt zwischen Luchs und Mensch zu lösen, wurde in den neunziger
Jahren die internationale Initiative SCALP gegründet, die ihre Aufgabe
im Vorantreiben der 1971 begonnenen Wiederansiedlungsinitiativen des Luchses
in den Alpen sieht. Denn mit diesen Versuchen, bei denen Luchse aus den Karpaten
freigelassen wurden, war es noch lange nicht getan; die Zukunft des Luchses
in den Alpen war weiterhin düster. Da es keine systematische Beobachtung
bzw. nur ein bescheidenes Monitoring der Tiere gab, blieb der Erfolg der Umsiedlung
unsicher. Im Zuge des SCALP-Projektes, das vom schweizerischen Bundesamt für
Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL) und von der Large Carnivore Initiative
for Europe (LCIE) unterstützt wird, entwickelten Experten aus allen Alpenländern
schließlich einen grenzüberschreitenden Plan zur langfristigen
Erhaltung des Luchses in den Alpen.
Erste Ergebnisse der Initiative wurden im Mai 2003 auf einer Konferenz von
SCALP in Amden/Schweiz dargelegt. Zu ihr haben sich mehr als 70 Teilnehmer
– Vertreter des BUWAL, der Jägerschaft, Biologen und Luchsforscher,
Artenschützer, NGOs und andere – aus allen Alpenländern eingefunden.
Die ernüchternde Bilanz: Gute Luchsvorkommen gibt es derzeit lediglich
im westlichen Teil der Schweizer Alpen und am östlichen Rand der Ostalpen,
nämlich in Slowenien und im Tarvisiano in den Julischen Alpen. In Frankreich
ist die Fläche mit einigermaßen sicheren Anwesenheitszeichen von
Luchsen konstant, in Italien sind früher vermutete Vorkommen wie etwa
im Aostatal nicht mehr bestätigt worden, in den deutschen Alpen fehlen
die Luchse gänzlich.
In der Surselva bei Flims/Graubünden wurden einzelne zugewanderte Tiere
beobachtet. Dank eines Ansiedlungsprojektes gibt es Luchse in der Nordostschweiz.
Vereinzelte Hinweise kommen auch aus dem Nationalpark der oberösterreichischen
Kalkalpen, wobei die Herkunft der Tiere unbekannt ist. Die Experten sind sich
einig, daß die Luchspopulation langfristig nur dann gesichert werden
kann, wenn die Großkatze den gesamten Alpenraum besiedelt.
Insgesamt haben wir dank SCALP heute ein recht genaues Bild über das
Vorkommen des Luchses im Alpenraum. Die Überwachung der Population in
Ländern wie Italien und Österreich sollte jedoch wesentlich verbessert
werden.
Was
tun gegen schwarze Schafe?
Intensiv diskutiert wurde beim SCALP-Treffen das Problem der illegalen Abschüsse
von Luchsen. Sie werden je nach Land von den Behörden unterschiedlich
bewertet. Während in Italien das Wildern von geschützten Großraubtieren
als Kavaliersdelikt angesehen wird (was auch für das alljährliche
abermillionenfache Töten von Singvögeln gilt) und Wilderer unangetastet
bleiben, werden in der Schweiz und in Österreich illegale Abschüsse
zumindest offiziell nicht toleriert. Gesetze gäbe es also, aber bekanntlich
sind diese oft weniger wert als das Papier, auf dem sie stehen. Das gilt so
lange, wie
man die Übertretung der Gesetze nicht streng ahndet. Die meisten illegalen
Abschüsse werden, wie gesagt, wohl niemals aktenkundig. Obwohl es sich
hier um eines der größten Probleme überhaupt handelt, konnte
die SCALP-Konferenz dafür keine Lösung finden. Selbst in Ländern
wie der Schweiz haben die Behörden bei der Verfolgung von Luchswilderern
Schwierigkeiten.
Überblick
über den aktuellen Status in Europa
Die wohl vollständigste und beste Information über den Status des Luchses in Europa bietet der “Action Plan for the conservation of the Eurasian Lynx (Lynx lynx) in Europe“, der im Jahr 2000 von Urs Breitenmoser und anderen publiziert wurde. Die Arbeit enthält zahlreiche Tabellen mit Zahlen, die allerdings bereits zum Publikationszeitpunkt auf mehrere Jahre zurückliegenden Erhebungen basierten. Eine aktualisierte Ausgabe der Veröffentlichung ist daher zu Jahresbeginn 2004 in Vorbereitung.