




Wir
sollten alles unternehmen, um ihn zu erhalten -
der
Dugong im Roten Meer
Seit jeher regen die marinen Seekühe die Phantasie der Seeleute an. Unzählige Geschichten von verführerischen Meerjungfrauen zeugen davon. Betrachtet man die Seekühe jedoch genauer, so fällt es beim besten Willen schwer, in ihnen die Vorbilder der Sirenen mit betörendem Gesang aus der griechischen Mythologie sowie von diversen Nixen und Meerjungfrauen zu erkennen. Die Wissenschaft weiß noch relativ wenig über die scheuen Dickhäuter. Was jedoch sicher ist: alle 4 Arten sind stark und ernsthaft bedroht und stehen seit 1982 auf Roten Listen.
Während die Rundschwanz-Seekühe auch ins Süßwasser vordringen (bekannt von Florida), leben die Gabelschwanz-Seekühe, also die Dugongs ausschließlich marin. Sie bevorzugen Seegraswiesen und Algenbestände in Gewässern, die nicht kälter als 20 Grad Celsius sind.
Zu dieser ungewöhnlichen Tiergruppe gehören heute nur noch 4 rezente (noch lebende) Arten, 3 Arten von Rundschwanzseekühen (Trichechidae bzw. Manatidae): Trichechus manatus (Manati), T. senegalensis (Westafrikanischer Manati), T. inunguis (Amazonas-Manati) und eine Art der Gabelschwanzseekühe (Dugongidae), nämlich Dugong dugon. Eine weitere Art der Gabelschwanzseekühe, die Stellersche Seekuh (Hydrodamalis gigas) wurde in nur 27 Jahren nach ihrer Entdeckung bereits durch den Menschen ausgerottet. Eine der Meisterleistungen von Homo sapiens, eine solche unfassbar faszinierende Art mit bis zu 8 m Länge und 4 bis 10 Tonnen Gewicht definitiv auszulöschen. Im Jahr 1741 entdeckte G. W. Steller den Giganten in der Nähe der Beringstaraße, doch schon 1768 war die Art erloschen; man schätzt, dass die Population zur Zeit der Entdeckung nur noch 2000 Individuen zählte.
Zum Fürchten sieht er wahrlich nicht aus, der Dugong, eher schon wie ein gigantisches Kuscheltier mit runder, weicher Schnauze und kleinen Knopfaugen. Trotz seiner grundsätzlichen Scheu überwiegt bei manchen Begegnungen doch die Neugier. Dann läßt er Beobachter so nahe an sich heran und toleriert sogar Berührungen. Der merkwürdige Bau des Kopfes begünstigt die Ernährungsweise des Dugongs, der den Pflanzenwuchs des Meeresgrundes, insbesondere die Seegräser, abweidet. Die Oberlippe ist stark vergrößert und hängt über das Maul.
Wie die anderen wasserlebenden Säugetiere, Wale und Robben, sind die Seekühe perfekt an ihr Element angepaßt. Die Vorderextremitäten sind zu fünffingrigen Flossen umgestaltet, während die Hinterextremitäten fehlen. Funktionell sind sie durch ein waagrechtes Schwanzruder ersetzt, das bei den Dugongs eine gerade oder leicht nach innen gezogene Kante aufweist. Trotz ihres massigen Körpers – sie erreichen 320 Zentimeter Körperlänge und 200 Kilogramm Gewicht – sind sie elegante Schwimmer und Taucher (meist nicht tiefer als 12 m). Die verschließbaren Nasenlöcher sitzen oberhalb der bärtigen Schnauze und ermöglichen es dem Tier, zu atmen, ohne den Kopf aus dem Wasser zu strecken. Dugongs müssen alle ein bis zwei Minuten zum Luftholen an die Oberfläche, allerdings brauchen sie zum Aus- und Einatmen nur ganze zwei Sekunden.
Lebensraum
und Verbreitung
Dugongs kommen vom südlichen Roten Meer (gelegentlich auch bis in den Golf von Aqaba) über die Küsten des Indischen Ozeans bis zur Nord- und Nordostküste Australiens vor. Die Bestände sind so weit zurückgegangen, daß die Gabelschwanz-Seekuh zu den gefährdeten Großsäugern zählt. Im Gegensatz zu den Rundschwanz-Seekühen oder Manatis (Trichechidae), die auch in Flüssen vorkommen, bewohnt der Dugong die seichten Küstenmeere und dringt nur hin und wieder in Flußmündungen vor. Er wird jedoch nicht tief im Süßwasser angetroffen. Damit ist er der einzige dauernd im Meer lebende Pflanzenfresser unter den Säugetieren. Dugongs bevorzugen Tiefen von ein bis zwölf Metern, wo Temperaturen zwischen 20 und 36°C herrschen. So können sie sich niedrige Stoffwechselraten leisten, da sie nur wenig Energie für die Regulation der Körpertemperatur brauchen.
Nahrung
Dugongs fressen bevorzugt Seegras, welches eine “höhere” Blütenpflanze ist, sich aber vom Seetang (das sind Algen) unterscheidet. Es wächst am Grund flacher Küstengewässer, in denen die Dugongs in Tiefen von ein bis fünf Meter weiden. Sie bevorzugen die kohlenhydratreichen Wurzelstöcke (Rhizome) des Kleinen Seegrases, die sie ausgraben und durch kräftiges Schütteln der Schnauze reinigen. Danach stopfen sie den Bissen mit den Flossen in den Mund. Dort wird das Seegras mit den rauhen Hornplättchen auf Gaumen und Mundboden gekaut. Auf diese Weise werden täglich bis zu 30 Kilogramm Nahrung verzehrt. Zähne finden sich in Form von pfropfenartigen Backenzähnen, Vorbackenzähnen bei Jungtieren und Stoßzähnen bei erwachsenen Männchen. Letztere dürften aber eher bei der Paarung als bei der Nahrungsaufnahme zum Einsatz kommen.
Fortpflanzung
Weibliche Dugongs werden mit acht bis achtzehn Jahren geschlechtsreif. Oft umwerben mehrere Bullen das gleiche Weibchen. Kämpfe wurden dabei nie beobachtet. Bei der Paarung erheben sich die Dugongs Bauch an Bauch aus dem Wasser und umarmen sich. Das Männchen hält seine Partnerin mit den Stoßzähnen fest. Auf die lange Tragzeit folgt eine fast zweijährige Stillzeit. Geschichten von Dugong-Müttern, die ihre trinkenden Jungen in den Flossen wiegen haben sich als Legenden erwiesen. Ein saugendes Junges liegt in Wirklichkeit neben der Mutter, hinter ihrer Flosse, oft mit dem Bauch nach oben. Die Lebenserwartung kann bei über 60 Jahren liegen.
Verhalten
Über Verhalten und Lebensweise der Dugongs im Freiland ist noch wenig bekannt. Die einzige soziale Struktur, die sicher nachgewisen ist, sind Mutter-Kind-Paare; ansonsten scheinen Dugongs Einzelgänger zu sein, die jedoch bei günstigem Nahrungsangebot in großen Gruppen auftreten. Beobachtungen aus nächster Nähe sind schwierig, da sie in trüben Gewässern leben und sehr scheu sind. Trotzdem zeigen die Tiere ein neugieriges Interesse für alles, was sie mit ihrem scharfen Gehör unter Wasser wahrnehmen. Daraus kann man schließen, daß zumindest die erwachsenen Tiere wenige Feinde haben (im Roten Meer fallen sie wohl ab und zu Haien zum Opfer, noch häufiger aber wohl Schiffsschrauben). Sie sind auf das Leben im Flachwasser spezialisiert. Entsprechend ist ihre Fähigkeit zu tauchen genauso begrenzt wie ihre Geschwindigkeit und Ausdauer, wenn sie verfolgt werden. Das macht sie zur leichten Beute für Menschen, die ihnen leider immer noch nachstellen. Dugongs findet man einzeln, als Mutter-Kalb-Paare oder in Herden von einigen hundert Tieren. Über die soziale Struktur dieser Gruppen liegen noch keine wissenschaftlichen Untersuchungen vor.
Leider steht dieser friedliche Meerespflanzenfresser in keiner glücklichen Beziehung zum Menschen. Die Seekühe sind zwar beliebter Gegenstand zahlreicher Seemannsgeschichten, in denen sie als Meerjungfrauen auftauchen und außerdem fester Bestandteil der Mythologie aller Küstenvölker im Verbreitungsgebiet, doch hat die Jagd nach Fleisch, Öl und Stoßzähnen die meisten Dugong-Populationen reduziert oder gar ausgerottet.
Systematik
Nach einer gut untermauerten Hypothese sind Seekühe recht nahe mit Elefanten verwandt (Sirenia als Schwestergruppe der Proboscidea).
| Chordatiere | Chordata |
| Schädeltiere | Craniota (die ältere Bezeichnung ist “Wirbeltiere”, Vertebrata) |
| Säugetiere | Mammalia |
| Placentalier, Placentatiere | Placentalia (Eutheria) |
| Seekühe | Sirenia |
| Familie | Gabelschwanz-Seekühe Dugongidae |
| Gattung | Dugong |
| Art | Dugong dugon |